wie heute besprochen, habe ich vor einiger zeit einen interessanten artikel zu diesem thema gelesen. der artikel ist im internet nicht mehr auffindbar, aber auf wikipedia gibt es einen beitrag dazu: http://en.wikipedia.org/wiki/The_Hedgehog_and_the_Fox
Meiner Meinung nach geht die Tendenz der heutigen Wissenschaft in die Richtung, dass immer tiefgründigeres bzw. spezifischeres Wissen benötigt wird und deshalb auch die Ausbildung in diese Richtung gedrängt wird. Ein Grund dafür ist sicherlich die begrenzte geistige Aufnahmefähigkeit eines Menschen (die zusätzlich zeitlich eingegrenzt wird), die zwangsläufig dazu führt, dass man sich nicht in jedem Gebiet überdurchschnittlich gut auskennen kann. Im Prinzip muss man sich für einige wenige Gebiete entscheiden, die man dafür detailierter studieren kann. Was heutzutage aber versucht wird (man sieht das deutlich an den Studiengängen), ist Disziplinen einzuführen, von denen bekannt ist, dass klare Abhängigkeiten, Überschneidungen und gemeinsame Interessen bestehen. (Beispiele dafür: Medizinische Informatik, Wirtschaftsinformatik, …) Interdisziplinarität heißt für mich jedoch nicht das bloße Zusammenfügen von Teilen verschiedener Wissensgebiete zu einem neuen, sondern dass explizit auf die Schnittstelle der Wissensgebiete eingegangen wird. Um bei meinem Beispiel zu bleiben, sollte sich die Medizinische Informatik nicht darauf begrenzen, Grundlagen der Medizin mit Programmierkenntnissen zu vereinen, sondern vielmehr den Einsatz von Maschinen im medizinischen Bereich in den Vordergrund rücken. Nur so kann dieses Studium mehr wert sein, als die Summe zweier „Halbstudien“. Die Forderung der Gesellschaft nach mehr Interdisziplinarität steht für mich jedoch im Gegensatz zu der heutigen Leistungsbewertung. Man muss sich nur die Nobelpreisverleihung ansehen und bemerkt sofort, dass eher Spezialisten gerühmt werden als diejenigen, die trotz Spezialisierung den Überblick bewahren.
Es ist sicherlich unbestritten, dass die Tendenz in Richtung Spezialisierung geht - eben aus genau den von dir genannten Gründen. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher was du damit meinst wenn du sagst, dass "der Einsatz von Maschinen im medizinischen Bereich in den Vordergrund gerückt werden soll" (am Beispiel der medizinischen Informatik). Ich denke interdisziplinäre Ausbildung kann selten mehr als nur "zwei Halbstudien" sein, da dies einem ermöglicht eben an der Schnittstelle der Wissensgebiete zu arbeiten und möglichst zwischen Experten beider Felder vermitteln zu können. Mehr kann man heutzutage (aufgrund der Tiefe und Komplexität der Wissensgebiete) kaum von "Interdisziplinären" erwarten. Es geht darum, die Probleme der Übergänge zwischen Professionen zu vermindern. Oft sind dies wohl auch nur Kommunikationsschwierigkeiten. Ein gutes Beispiel dafür ist meines Erachtens gerade die Softwarentwicklung: kaum ein Gebiet das heutzutage ohne Software auskommt und kaum ein Gebiet in dem nicht über die schlechte Software geklagt wird, obwohl diese meist genau für dieses Gebiet entwickelt wurde. Warum ist das so? Einzig und alleine, weil die Softwareentwickler meist keine Ahnung davon haben was die Anwender wirklich brauchen und dies wiederum aufgrund fehlenden Wissens/fehlender Bildung im jeweiligen Wissensbereich. Natürlich kann man nicht von jedem Softwareentwickler erwarten dass er zum Experten des Gebietes wird für das er Software schreibt, aber im Idealfall sollte er zumindest das äquivalente Verständnis eines entsprechenden "Halbstudiums" haben. Ich glaube der Mehrwert eines Interdisziplinären Studiums entsteht nur dadurch, dass Absolventen zwischen Experten zweier Wissensgebiete so vermitteln können, dass diese effektiv zusammenarbeiten und dadurch gemeinsam mehr als die Summe der beiden einzeln erreichen können. Die starke Zunahme an Spezialisten sehe ich nicht als großes Problem, es bedarf jedoch einer Hierarchie an Vermittlern zwischen den einzelnen Disziplinen. Wichtig ist auch, dass sich die Experten eines Gebiets der meist engen Grenzen desselben bewusst sind und sich nicht anmaßen in anderen Gebieten Entscheidungen zu treffen, von denen sie keine Ahnung haben - egal wie gut sie in ihrem eigenen Gebiet auch sein mögen. Wenn man so will: das Problem ist nicht die zunehmende Spezialisierung des Generellen, sondern die (oft angemaßte) Generalisierung der Spezialisten :o)
Informatik an sich war ja urspruenglich auch schon ein Interdisziplinaere Wissenschaft zusammengesetzt aus Mathematik und Elektrotechnik.
Mit fortschreitender Komplexitaet, immer groesserem Wissenszuwachs auf diesem Gebiet (z.B. neue Programmiersprachen und -paradigmen, Artificial Intelligence) und neuen Einsatzmoeglichkeiten entstand die Notwendigkeit es weiter aufzusplitten.
Anderes Beispiel, eine andere junge Wissenschaft: Psychologie, die urspruenglich von einem rein physiologischen Standpunkt ausging und heute auch schon in Bereiche wie Paedagogik und Wirtschaft reinreicht wo die kaum noch was mit ihrem Ursprung (der parallel dazu immer noch existiert) gemein haben.
Wie du richtig gesagt hast sind Menschen nur begrenzt aufnahmefaehig. Aber es ist nicht nur die Masse an Informationen in den Studien, sondern um wissenschaftlich Arbeiten zu koennen bedarf es bei Einsatz korrekter Methoden auch eines enormen zeitlichen Aufwandes.
Je nach Fachgebiet ist das z. B. aufwaendige Experimente durchfuehren und auswerten und in eine fuer die Wissenschaftscommunity akzeptable Form bringen.
Dabei ist Interdisziplinaritaet nur insoweit wichtig wie es die konkrete Problemstellung erfordert. Ein gewisses Grundmass an ID hat man sogut wie immer, da man sich meistens der Mathematik bedienen muss. Aber darueber hinaus ist es unwichtig z.B. etwas ueber Medizin zu wissen, wenn man im Bereich Teilchenphysik Grundlagenforschung betreibt. Siehe z.B. CERN.
@suppenkaspa: Unter interdisziplinärer Ausbildung verstehe ich eben NICHT die bloße Aneignung von Wissen zweier/mehrerer Professionen. Auf unser Beispiel umgelegt würde das folgendes bedeuten: Ein Programmierer will Software im medizinischen Bereich entwickeln und fängt deshalb ein Medizinstudium an, damit er auch die andere Seite kennen lernt. Selbst wenn dieser Programmierer das Medizinstudium abschließt, bezweifle ich stark, dass dieser nun dafür gerüstet ist, sein Vorhaben erfolgreich durchzuführen. Begründung: Klar ist er fachlich in beiden Gebieten top, aber weiß er auch über Standards und Richtlinien bescheid, die medizinische Software erfüllen muss? Legt er besonderen Wert auf Datenschutz der sensiblen Patientendaten? Usw… Ich hoffe, dass jetzt klar ist, was ich mit „mehr als bloß die Summe“ gemeint habe.
Ganz allgemein finde ich, dass durch Interdisziplinarität nicht nur vermittelt werden kann, sondern ein eigenständiges neues Wissensgebiet entsteht, was durch das reine Fusionieren von Wissensgebieten nicht entstehen würde. Bedenken sollte man jedoch, dass dieses neue Wissensgebiet wiederum neue Probleme/Herausforderungen schafft, die in dieser Form nicht in den Teilegebieten wiederzufinden waren.
@yep: Ich stimme dir da vollkommen zu, dass Interdisziplinarität immer von einer Problemstellung und somit vom Bedarf abhängig ist. Ein gezwungenes Einführen von Interdisziplinarität zwischen Gebieten, die offensichtlich keinen Zusammenhang besitzen und nur dazu dient Marktlücken zu füllen, finde ich auf jeden Fall sinnlos.
@suppenkaspa: Also ganz abgesehen von den bereits genannten Gründen für eine Spezialisierung und immer weiteren Aufteilung in "Sub-Wissenschaftsgebiete" wäre ich absolut immer dafür, so gut es möglich ist (beschränkte Zeit und Aufnahmefähigkeit eines Menschen) interdisziplinär zu "denken" und nicht nur in seinem Wissenschaftsgebiet. Der Vorteil liegt auf der Hand: Jemand löst ein Problem und hat damit nicht nur sich selbst geholfen, sondern auch anderen. Man denke z.B. an den "Ameisen-Algorithmus": http://www.ameisenalgorithmus.de/algorithmus.htm und http://de.wikipedia.org/wiki/Ameisenalgorithmus Wie man schnell sieht ist das Interdisziplinarität in Perfektion: Ein Programmierer hat irgendwann die Idee die Effizienz der Ameisen bei der Futtersuche für das TSP-Problem auszunutzen. Auf solch eine Idee kann man jedoch nicht kommen, wenn man mit seinen Ideen/Gedanken "nur" stur in seinem Gebiet verweilt. Weiters ist durch diesen Algorithmus keineswegs nur ein theoretisches Problem (TSP) gelöst worden, sondern hat z.B. im gesamten Logistikbereich zu Effizienzsteigerungen (durch bessere Routenplanung) geführt.
Dies ist ist jetzt nur ein, mir bekanntes Beispiel, welches meiner Meinung nach genau zeigt, wie wichtig es ist interdisziplinär zu Arbeiten.
Es wäre allerdings falsch zu glauben, mit einer "Fox und Hedgehog"-Struktur, optimal dran zu sein, denn meiner Meinung nach müssten eben mehrere "Ebenen" eingeführt werden, sonst könnte mittlerweile kein Mensch auf der Welt mehr den Überblick bewahren.
Meines Erachtens ist, wie oben bereits von mehreren bemerkt, immer eine gewisse Interdisziplinarität vorhanden - v.a. an der TU wird man in absolut den meisten (mir persönlich fallen keine Gegenbeispiele ein, andererseits werde ich mich jetzt auch nicht durch alle Studienpläne wühlen) Studienrichtungen Mathematik als eines der Grundfächer dabei haben.
Für mich persönlich stellt sich die Frage, wo Interdisziplinarität anfängt, beziehungsweise wo Grundlagenwissen (wie eben zB Mathematik, oder bei vielen TU-Studien zB auch Statistik) aufhört.
Vor allem in der EDV ist klarerweise immer ein gewisser Teil der Interdisziplinarität vorhanden, weil Produkte für diverseste Firmen und Branchen entwickelt werden müssen - allerdings auch, wie weiter oben diskutiert, kommen dabei oftmals noch relativ "schwache" Programme zu Stande.
Die Problematik mit der Spezialisierung (abgesehen davon dass sie, wie oben auch mehrfach angesprochen, für neue Wissensgenerierung unerlässlich ist) ist ein gewisses "Scheuklappendenken", ähnlich einem Abteilungsdenken in Firmen, wo zT eine gewisse "das ist dann nicht mein Problem"-Haltung zu Tage kommt.
Wenn man an Neuronale Netze, Membrane-Computing oder Bionik denkt, sind interdisziplinäre Ansätze klarerweise notwendig, um, abseits der Spezialisierung, anderes "Nischenwissen" zu fördern; bei vielen Bereichen steckt die Interdisziplinarität meines Erachtens auch noch deshalb in den Kinderschuhen, weil grundlegend verschiedene Herangehensweisen der verschiedenen Teilbereiche vorliegen - ein Beispiel wären viele der Tätigkeiten des Instituts für Managementwissenschaften - Arbeitspsychologie ist weder eine exakte noch eine Ingenieurswissenschaft, soll aber mit eben jenen in Verbindung gebracht werden - ein Unterfangen, das sicherlich noch einige Jahre, vielleicht Jahrzehnte brauchen wird, um relativ reibungslos zu funktionieren.
Es ist sicherlich eben so, dass ein Schwarz-Weiß Denken absolut falsch ist, was besser wäre, beziehungsweise werden für verschiedene Problemstellungen verschiedene Ansätze der Spezialisierung und Interdisziplinarität benötigt.
@ Suppenkaspar: ich stimme zu, dass ein großer Teil der Interdisziplinarität dazu da ist, die verschiedenen "Sprachen" von Spezialgebieten zu übersetzen, allerdings erachte ich es doch für wichtig zu sagen, dass es bei interdisziplinären Studien doch um mehr geht als "Halbstudium A, Halbstudium B".
@Hue: wenn du sagst, dass ein Informatik+Medizin Doppelstudium nicht reicht um erfolgreich medizinische Software zu schreiben, weil ID mehr ist, so kann ich mich dem leider immer noch nicht ganz anschließen: Klar gibt es Aspekte die wohl weder in einem "reinen" Informatik, noch in einem "reinen" Medizinstudium abgehandelt werden, so reichen die von dir genannten Beispiele einfach in weitere Disziplinen hinein (zBsp Jus). Ich möchte weiters anmerken, dass auch ein Mediziner in seinem Alltag sich mit Richtlinien und Datenschutz auseinandersetzen muss. Generell wird man wohl in jeder Profession Aspekte der praktischen Tätigkeiten finden welche in andere Professionen fallen würden - ist das deshalb schon ID? Ich denke dies wäre eine zu enge (scheuklappenmäßige, siehe @woscostametax) Auffassung von Professionen oder Disziplinen. Generell sind die existierenden Wissensdisziplinen ja ohnehin mehr oder weniger willkürlich und keinesfalls ganz klar voneinander abgegrenzt. Interdisziplinarität ist meines Erachtens erst dann gefordert, wenn man bemerkt, dass für die Erfüllung einer bestimmten Aufgabe (im Beispiel: Medizinsoftware entwickeln) eben mehr Wissen aus einem anderen Bereich notwendig ist, als man sich im normalen Berufsalltag "nebenbei" aneignen kann. Dass ein Arzt sich mit den Richtlinien seines Berufs oder mit denen des Datenschutzes auseinandersetzt, diese versteht und anwendet, dafür muss er kein Jus-Studium abschließen (im Notfall reicht vielleicht eine kurze juristische Beratung) - um jedoch eine umfangreichere Medizinsoftware zu entwickeln reicht es wohl nicht für ihn wenn er sich mal schnell eine Woche einen EDV-Kurs macht. Zusammengefasst: jede Profession und jede Tätigkeit hat interdisziplinäre Elemente, umfassende Interdisziplinarität ist aber immer dann notwendig, wenn sich die notwendigen Kenntnisse in den beteiligten Wissensgebieten nicht innerhalb kurzer Zeit für einen Fachfremden aneignen lassen können.
Diese "Definition" gilt jedoch meiner Auffassung hauptsächlich für die praktische Anwendung (zBsp Entwicklung eines konkreten Softwareprojekts). Theoretische Interdisziplinarität im Sinne von Finden und Erkennen von neuen Zusammenhängen die bis dato unbekannt waren (zBsp der genannte Ameisenalgorithmus) kann mitunter auch aufgrund der kreativen Verknüpfung relativ einfacher Prinzipien mehrerer Wissensgebiete erfolgreich und gerechtfertigt sein. So könnte ich mir beispielsweise vorstellen, dass sowohl ein Biologe als auch ein Informatiker beim längeren Betrachten einer Ameisenkolonie auf die Idee kommen könnte, deren Verhalten für Transportprobleme nutzen zu können.
Interdisziplinäre Studien haben heutzutage meist einen eher praxisbezogenen Charakter, was nicht verwunderlich ist, da sie ja meist auch aus praktischen Problemstellungen her entstanden sind. Der "Kampf" darum als eigenständige Disziplin anerkannt zu werden, ist mitunter sehr langwierig und mühsam (siehe zBsp die Geschichte der Psychologie). Erst mit der Zeit entfaltet sich dann auch der rein theoretische Zweig einer Disziplin. Ich denke dass man auch erst dann wirklich davon sprechen kann, dass aus einer "Interdisziplin" mehr geworden ist als die Summe der usprünglichen Gebiete.
Noch mal kurz zum Ameisenalgorithmus: Das man da Vorteile im Transportwesen verbuchen kann ist jetzt nicht DIE Gedankenleistung gewesen, aber es gibt eben auch andere Bereiche, in denen der Algo. zu Verbesserungen geführt hat, siehe z.B: Schleifmittelproduktion :). Da kommt man z.B. schon mal nicht gleich drauf..... aber im Grunde ist hierbei mehr das Denken der entsprechenden Personen "kreativ"/bzw. "interdisziplinär" gewesen und auch nicht mehr.
Zu was Anderem: Woran mag es liegen, dass es in den letzten Jahren (Jahrhunderten?) so gesehen KEIN wahres "Universal"-Genie mehr gegeben hat? Ein Mensch, der sich in so gut wie allen Wissenschaftsbereichen auskennt bzw. auch Neues entdeckt oder entwickelt. Siehe Leonardo da Vinci, welcher von "Robotern" über Krisgsmaschinen und Flugobjekten so manches entwickelt hat, nebenbei einer der besten Künstler überhaupt war und auch zu einem sehr großen Teil erstmal die menschliche Anatomie untersuchte und daraus seine Schlüsse zog.
Liegt das jetzt daran, dass das Wissen damals mit der Menge an Wissen heute einfach nicht zu Vergleichen ist, oder liegt es (auch) daran, dass mittlerweile jede Wissenschaft/jedes Wissensgebiet immer weiter unterteilt wird, und man von den ganzen Teilgebieten einfach "zu wenig mitbekommt" (wegen der Abgrenzungen, die eingeführt wurden)?
Nur ein Beispiel für die Scheuklappeneinteilung auf der Uni (zugegebenermaßen durchaus gerechtfertigt, denn sonst würde nie mehr ein Student mit dem Studium fertig werden :) ):
"...Interdisziplinarität ist aber immer dann notwendig, wenn sich die notwendigen Kenntnisse in den beteiligten Wissensgebieten nicht innerhalb kurzer Zeit für einen Fachfremden aneignen lassen können." Ich sehe diesen Punkt auch schon als Interdisziplinär, denn wenn ich in der Arbeit oder für die Uni mir Wissen aus einem anderen Gebiet aneignen muss, dann habe ich zusätzliches Wissen in einem anderem Gebiet, welches ein anderer Student/Arbeitskollege nicht hat. Ich bin der Meinung, dass heutzutage die Spezialisierung sehr wichtig ist, trotzdem ist es keine reine Spezialisierung, denn in der heutigen Zeit braucht man zu seinem Spezialgebiet auch noch viel Wissen aus anderen Teilgebieten, welche mit dem eigenen Spezialgebiet zu tun haben könnten. Z.B. lernt man in der Informatik welche Datenschutzbestimmungen gelten und wie man damit umzugehen hat. Jemand der sich in diesem Gebiet gut auskennt und ein guter Programmierer ist, wird einem bei vielen Firmen gefragter sein. von daher bin ich stark der Meinung, dass das eigene Handeln immer von interdisziplinären Denkweisen geprägt sein sollte. Ob es jetzt sinnvoll ist Interdisziplinarität zwischen Gebieten herzustellen die zurzeit wenig oder keinen Sinn haben, kann man heute nicht sagen, denn viele Erfindungen wurden aus den "verrücktesten" Kombinationen von Wissenschaftern entdeckt. Aber für die Allgemeintheit sollte dies wohl zustimmen. In Bezug auf die Fox und Hedgehog Hirarchie stimme ich Franz vollkommen zu. Doch glaube ich, dass in vielen Projekten/Arbeiten zwei Hirarchieebenen vollkommen ausreichend sind und mehr Ebenen den Aufwand nur unnötig steigern würde. Alles in allem gesehen bin ich der Meinung, dass eine ausgewogene Mischung aus Spezialisierung und Interdisziplnarität gefunden werden muss. Diesen Weg zu finden, ist sehr schwer wenn nicht sogar unmöglich, denn wann kann man sich sicher sein, dass es nicht doch sinnvol ist sich aus dem oder dem Gebiet noch Wissen anzueignen.
@Hue: Dieses Beispiel der Interdisziplinarität in Bezug auf Medizin/Informatik/Medizinische Informatik stellt aber in Wirklichkeit genauso eine Spezialisierung da.
Warum?
Das Ursprüngliche Problem wird gewesen sein, dass man einerseits Informatik hatte, andererseits Medizin. Dann gab es den Bedarf Medizinische Software/Geräte zu entwickeln und wahrscheinlich hat man schnell gemerkt, dass einiges was die Informatiker gelernt hatten nicht gebraucht würden, während anderes wünschenswert wäre (z.B. Kenntnisse der Anatomie statt Compilerbau). Da man niemandem zus. zum Inf. Studium auch noch ein Medizin Studium zumuten kann wurden eben LVAs gestrichen und dafür neue aufgenommen.
Das Resultat ist, wenn man es so nennen kann, eine interdisziplinäre Spezialisierung.
@Franz: weil du das fehlen von Univ-Genies angesprochen hast (nur kurz, weil es vielleicht etwas OT wird): heute müssen dank Schulpflicht die Menschen mehr denn je lernen. Vor der Renaissance hätte ein heutiger Maturant auch schon als Univ.-Genie gegolten, da war das Niveau von Wissenschaft und Kunst noch nicht besonders weit entwickelt. Um nochmal das Beispiel CERN zu bedienen: heute braucht schon riesige Teilchenbeschleuniger um neue Erkenntnisse zu gewinnen. ;)
Also mich würde es wirklich sehr überraschen wenn es wirklich nochmal ein sog. Universalgenie geben würde. Jedenfalls rechnen dürfen wir damit nicht.
Am Ende ist zwischen den Fachrichtungen auch vor allem eines wichtig (ich glaub suppenkaspa hat es schon mal angesprochen): Kommunikation.
Ich denke oft genug erreicht man den gewünschten Effekt wenn sich ein paar Spezialisten zusammentun und diese trotz ihrer unterschiedlichen Spezialisierungen eine interdisziplinäre Zusammenarbeit beginnen. Das geht aber nur wenn die richtig miteinander reden können.
@MichaelP: Das stimmt wohl :), ich bin mir nur nicht so ganz sicher, ob "das Fehlen solcher Genies" NUR auf die Menge des Wissens zurückzuführen ist, oder nicht (sondern eben auch durch die Unterteilung der Wissenschaften/Gebiete)....
Vielleicht um einen Schlusspunkt (unter die eh schon um wesentliches zu lange Diskussion zu setzen): zu einem guten Teil werden, wie oben schon erwähnt, interdisziplinäre Wissenschaften weiterhin so weit spezialisiert, dass sie wahrscheinlich mittelfristig selbst wieder Spezialgebiete mit sub-interdisziplinären Bereichen werden - denn die Informationsflut wird sich wahrscheinlich langfristig nicht besser "in den Griff" bekommen.
hi gruppe,
AntwortenLöschenwie heute besprochen, habe ich vor einiger zeit einen interessanten artikel zu diesem thema gelesen. der artikel ist im internet nicht mehr auffindbar, aber auf wikipedia gibt es einen beitrag dazu:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Hedgehog_and_the_Fox
Na gut, dann fange ich mal an:
AntwortenLöschenMeiner Meinung nach geht die Tendenz der heutigen Wissenschaft in die Richtung, dass immer tiefgründigeres bzw. spezifischeres Wissen benötigt wird und deshalb auch die Ausbildung in diese Richtung gedrängt wird.
Ein Grund dafür ist sicherlich die begrenzte geistige Aufnahmefähigkeit eines Menschen (die zusätzlich zeitlich eingegrenzt wird), die zwangsläufig dazu führt, dass man sich nicht in jedem Gebiet überdurchschnittlich gut auskennen kann. Im Prinzip muss man sich für einige wenige Gebiete entscheiden, die man dafür detailierter studieren kann.
Was heutzutage aber versucht wird (man sieht das deutlich an den Studiengängen), ist Disziplinen einzuführen, von denen bekannt ist, dass klare Abhängigkeiten, Überschneidungen und gemeinsame Interessen bestehen. (Beispiele dafür: Medizinische Informatik, Wirtschaftsinformatik, …)
Interdisziplinarität heißt für mich jedoch nicht das bloße Zusammenfügen von Teilen verschiedener Wissensgebiete zu einem neuen, sondern dass explizit auf die Schnittstelle der Wissensgebiete eingegangen wird. Um bei meinem Beispiel zu bleiben, sollte sich die Medizinische Informatik nicht darauf begrenzen, Grundlagen der Medizin mit Programmierkenntnissen zu vereinen, sondern vielmehr den Einsatz von Maschinen im medizinischen Bereich in den Vordergrund rücken. Nur so kann dieses Studium mehr wert sein, als die Summe zweier „Halbstudien“.
Die Forderung der Gesellschaft nach mehr Interdisziplinarität steht für mich jedoch im Gegensatz zu der heutigen Leistungsbewertung. Man muss sich nur die Nobelpreisverleihung ansehen und bemerkt sofort, dass eher Spezialisten gerühmt werden als diejenigen, die trotz Spezialisierung den Überblick bewahren.
Es ist sicherlich unbestritten, dass die Tendenz in Richtung Spezialisierung geht - eben aus genau den von dir genannten Gründen. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher was du damit meinst wenn du sagst, dass "der Einsatz von Maschinen im medizinischen Bereich in den Vordergrund gerückt werden soll" (am Beispiel der medizinischen Informatik). Ich denke interdisziplinäre Ausbildung kann selten mehr als nur "zwei Halbstudien" sein, da dies einem ermöglicht eben an der Schnittstelle der Wissensgebiete zu arbeiten und möglichst zwischen Experten beider Felder vermitteln zu können. Mehr kann man heutzutage (aufgrund der Tiefe und Komplexität der Wissensgebiete) kaum von "Interdisziplinären" erwarten. Es geht darum, die Probleme der Übergänge zwischen Professionen zu vermindern. Oft sind dies wohl auch nur Kommunikationsschwierigkeiten. Ein gutes Beispiel dafür ist meines Erachtens gerade die Softwarentwicklung: kaum ein Gebiet das heutzutage ohne Software auskommt und kaum ein Gebiet in dem nicht über die schlechte Software geklagt wird, obwohl diese meist genau für dieses Gebiet entwickelt wurde. Warum ist das so? Einzig und alleine, weil die Softwareentwickler meist keine Ahnung davon haben was die Anwender wirklich brauchen und dies wiederum aufgrund fehlenden Wissens/fehlender Bildung im jeweiligen Wissensbereich. Natürlich kann man nicht von jedem Softwareentwickler erwarten dass er zum Experten des Gebietes wird für das er Software schreibt, aber im Idealfall sollte er zumindest das äquivalente Verständnis eines entsprechenden "Halbstudiums" haben.
AntwortenLöschenIch glaube der Mehrwert eines Interdisziplinären Studiums entsteht nur dadurch, dass Absolventen zwischen Experten zweier Wissensgebiete so vermitteln können, dass diese effektiv zusammenarbeiten und dadurch gemeinsam mehr als die Summe der beiden einzeln erreichen können.
Die starke Zunahme an Spezialisten sehe ich nicht als großes Problem, es bedarf jedoch einer Hierarchie an Vermittlern zwischen den einzelnen Disziplinen.
Wichtig ist auch, dass sich die Experten eines Gebiets der meist engen Grenzen desselben bewusst sind und sich nicht anmaßen in anderen Gebieten Entscheidungen zu treffen, von denen sie keine Ahnung haben - egal wie gut sie in ihrem eigenen Gebiet auch sein mögen. Wenn man so will: das Problem ist nicht die zunehmende Spezialisierung des Generellen, sondern die (oft angemaßte) Generalisierung der Spezialisten :o)
Informatik an sich war ja urspruenglich auch schon ein Interdisziplinaere Wissenschaft zusammengesetzt aus Mathematik und Elektrotechnik.
AntwortenLöschenMit fortschreitender Komplexitaet, immer groesserem Wissenszuwachs auf diesem Gebiet (z.B. neue Programmiersprachen und -paradigmen, Artificial Intelligence) und neuen Einsatzmoeglichkeiten entstand die Notwendigkeit es weiter aufzusplitten.
Anderes Beispiel, eine andere junge Wissenschaft: Psychologie, die urspruenglich von einem rein physiologischen Standpunkt ausging und heute auch schon in Bereiche wie Paedagogik und Wirtschaft reinreicht wo die kaum noch was mit ihrem Ursprung (der parallel dazu immer noch existiert) gemein haben.
Wie du richtig gesagt hast sind Menschen nur begrenzt aufnahmefaehig. Aber es ist nicht nur die Masse an Informationen in den Studien, sondern um wissenschaftlich Arbeiten zu koennen bedarf es bei Einsatz korrekter Methoden auch eines enormen zeitlichen Aufwandes.
Je nach Fachgebiet ist das z. B. aufwaendige Experimente durchfuehren und auswerten und in eine fuer die Wissenschaftscommunity akzeptable Form bringen.
Dabei ist Interdisziplinaritaet nur insoweit wichtig wie es die konkrete Problemstellung erfordert. Ein gewisses Grundmass an ID hat man sogut wie immer, da man sich meistens der Mathematik bedienen muss. Aber darueber hinaus ist es unwichtig z.B. etwas ueber Medizin zu wissen, wenn man im Bereich Teilchenphysik Grundlagenforschung betreibt. Siehe z.B. CERN.
@suppenkaspa: Unter interdisziplinärer Ausbildung verstehe ich eben NICHT die bloße Aneignung von Wissen zweier/mehrerer Professionen. Auf unser Beispiel umgelegt würde das folgendes bedeuten: Ein Programmierer will Software im medizinischen Bereich entwickeln und fängt deshalb ein Medizinstudium an, damit er auch die andere Seite kennen lernt. Selbst wenn dieser Programmierer das Medizinstudium abschließt, bezweifle ich stark, dass dieser nun dafür gerüstet ist, sein Vorhaben erfolgreich durchzuführen.
AntwortenLöschenBegründung: Klar ist er fachlich in beiden Gebieten top, aber weiß er auch über Standards und Richtlinien bescheid, die medizinische Software erfüllen muss? Legt er besonderen Wert auf Datenschutz der sensiblen Patientendaten? Usw…
Ich hoffe, dass jetzt klar ist, was ich mit „mehr als bloß die Summe“ gemeint habe.
Ganz allgemein finde ich, dass durch Interdisziplinarität nicht nur vermittelt werden kann, sondern ein eigenständiges neues Wissensgebiet entsteht, was durch das reine Fusionieren von Wissensgebieten nicht entstehen würde. Bedenken sollte man jedoch, dass dieses neue Wissensgebiet wiederum neue Probleme/Herausforderungen schafft, die in dieser Form nicht in den Teilegebieten wiederzufinden waren.
@yep: Ich stimme dir da vollkommen zu, dass Interdisziplinarität immer von einer Problemstellung und somit vom Bedarf abhängig ist. Ein gezwungenes Einführen von Interdisziplinarität zwischen Gebieten, die offensichtlich keinen Zusammenhang besitzen und nur dazu dient Marktlücken zu füllen, finde ich auf jeden Fall sinnlos.
@suppenkaspa:
AntwortenLöschenAlso ganz abgesehen von den bereits genannten Gründen für eine Spezialisierung und immer weiteren Aufteilung in "Sub-Wissenschaftsgebiete" wäre ich absolut immer dafür, so gut es möglich ist (beschränkte Zeit und Aufnahmefähigkeit eines Menschen) interdisziplinär zu "denken" und nicht nur in seinem Wissenschaftsgebiet. Der Vorteil liegt auf der Hand: Jemand löst ein Problem und hat damit nicht nur sich selbst geholfen, sondern auch anderen. Man denke z.B. an den "Ameisen-Algorithmus":
http://www.ameisenalgorithmus.de/algorithmus.htm und
http://de.wikipedia.org/wiki/Ameisenalgorithmus
Wie man schnell sieht ist das Interdisziplinarität in Perfektion:
Ein Programmierer hat irgendwann die Idee die Effizienz der Ameisen bei der Futtersuche für das TSP-Problem auszunutzen. Auf solch eine Idee kann man jedoch nicht kommen, wenn man mit seinen Ideen/Gedanken "nur" stur in seinem Gebiet verweilt. Weiters ist durch diesen Algorithmus keineswegs nur ein theoretisches Problem (TSP) gelöst worden, sondern hat z.B. im gesamten Logistikbereich zu Effizienzsteigerungen (durch bessere Routenplanung) geführt.
Dies ist ist jetzt nur ein, mir bekanntes Beispiel, welches meiner Meinung nach genau zeigt, wie wichtig es ist interdisziplinär zu Arbeiten.
Es wäre allerdings falsch zu glauben, mit einer "Fox und Hedgehog"-Struktur, optimal dran zu sein, denn meiner Meinung nach müssten eben mehrere "Ebenen" eingeführt werden, sonst könnte mittlerweile kein Mensch auf der Welt mehr den Überblick bewahren.
Meines Erachtens ist, wie oben bereits von mehreren bemerkt, immer eine gewisse Interdisziplinarität vorhanden - v.a. an der TU wird man in absolut den meisten (mir persönlich fallen keine Gegenbeispiele ein, andererseits werde ich mich jetzt auch nicht durch alle Studienpläne wühlen) Studienrichtungen Mathematik als eines der Grundfächer dabei haben.
AntwortenLöschenFür mich persönlich stellt sich die Frage, wo Interdisziplinarität anfängt, beziehungsweise wo Grundlagenwissen (wie eben zB Mathematik, oder bei vielen TU-Studien zB auch Statistik) aufhört.
Vor allem in der EDV ist klarerweise immer ein gewisser Teil der Interdisziplinarität vorhanden, weil Produkte für diverseste Firmen und Branchen entwickelt werden müssen - allerdings auch, wie weiter oben diskutiert, kommen dabei oftmals noch relativ "schwache" Programme zu Stande.
Die Problematik mit der Spezialisierung (abgesehen davon dass sie, wie oben auch mehrfach angesprochen, für neue Wissensgenerierung unerlässlich ist) ist ein gewisses "Scheuklappendenken", ähnlich einem Abteilungsdenken in Firmen, wo zT eine gewisse "das ist dann nicht mein Problem"-Haltung zu Tage kommt.
Wenn man an Neuronale Netze, Membrane-Computing oder Bionik denkt, sind interdisziplinäre Ansätze klarerweise notwendig, um, abseits der Spezialisierung, anderes "Nischenwissen" zu fördern; bei vielen Bereichen steckt die Interdisziplinarität meines Erachtens auch noch deshalb in den Kinderschuhen, weil grundlegend verschiedene Herangehensweisen der verschiedenen Teilbereiche vorliegen - ein Beispiel wären viele der Tätigkeiten des Instituts für Managementwissenschaften - Arbeitspsychologie ist weder eine exakte noch eine Ingenieurswissenschaft, soll aber mit eben jenen in Verbindung gebracht werden - ein Unterfangen, das sicherlich noch einige Jahre, vielleicht Jahrzehnte brauchen wird, um relativ reibungslos zu funktionieren.
Es ist sicherlich eben so, dass ein Schwarz-Weiß Denken absolut falsch ist, was besser wäre, beziehungsweise werden für verschiedene Problemstellungen verschiedene Ansätze der Spezialisierung und Interdisziplinarität benötigt.
@ Suppenkaspar: ich stimme zu, dass ein großer Teil der Interdisziplinarität dazu da ist, die verschiedenen "Sprachen" von Spezialgebieten zu übersetzen, allerdings erachte ich es doch für wichtig zu sagen, dass es bei interdisziplinären Studien doch um mehr geht als "Halbstudium A, Halbstudium B".
@Hue: wenn du sagst, dass ein Informatik+Medizin Doppelstudium nicht reicht um erfolgreich medizinische Software zu schreiben, weil ID mehr ist, so kann ich mich dem leider immer noch nicht ganz anschließen: Klar gibt es Aspekte die wohl weder in einem "reinen" Informatik, noch in einem "reinen" Medizinstudium abgehandelt werden, so reichen die von dir genannten Beispiele einfach in weitere Disziplinen hinein (zBsp Jus). Ich möchte weiters anmerken, dass auch ein Mediziner in seinem Alltag sich mit Richtlinien und Datenschutz auseinandersetzen muss. Generell wird man wohl in jeder Profession Aspekte der praktischen Tätigkeiten finden welche in andere Professionen fallen würden - ist das deshalb schon ID? Ich denke dies wäre eine zu enge (scheuklappenmäßige, siehe @woscostametax) Auffassung von Professionen oder Disziplinen. Generell sind die existierenden Wissensdisziplinen ja ohnehin mehr oder weniger willkürlich und keinesfalls ganz klar voneinander abgegrenzt. Interdisziplinarität ist meines Erachtens erst dann gefordert, wenn man bemerkt, dass für die Erfüllung einer bestimmten Aufgabe (im Beispiel: Medizinsoftware entwickeln) eben mehr Wissen aus einem anderen Bereich notwendig ist, als man sich im normalen Berufsalltag "nebenbei" aneignen kann. Dass ein Arzt sich mit den Richtlinien seines Berufs oder mit denen des Datenschutzes auseinandersetzt, diese versteht und anwendet, dafür muss er kein Jus-Studium abschließen (im Notfall reicht vielleicht eine kurze juristische Beratung) - um jedoch eine umfangreichere Medizinsoftware zu entwickeln reicht es wohl nicht für ihn wenn er sich mal schnell eine Woche einen EDV-Kurs macht. Zusammengefasst: jede Profession und jede Tätigkeit hat interdisziplinäre Elemente, umfassende Interdisziplinarität ist aber immer dann notwendig, wenn sich die notwendigen Kenntnisse in den beteiligten Wissensgebieten nicht innerhalb kurzer Zeit für einen Fachfremden aneignen lassen können.
AntwortenLöschenDiese "Definition" gilt jedoch meiner Auffassung hauptsächlich für die praktische Anwendung (zBsp Entwicklung eines konkreten Softwareprojekts). Theoretische Interdisziplinarität im Sinne von Finden und Erkennen von neuen Zusammenhängen die bis dato unbekannt waren (zBsp der genannte Ameisenalgorithmus) kann mitunter auch aufgrund der kreativen Verknüpfung relativ einfacher Prinzipien mehrerer Wissensgebiete erfolgreich und gerechtfertigt sein. So könnte ich mir beispielsweise vorstellen, dass sowohl ein Biologe als auch ein Informatiker beim längeren Betrachten einer Ameisenkolonie auf die Idee kommen könnte, deren Verhalten für Transportprobleme nutzen zu können.
Interdisziplinäre Studien haben heutzutage meist einen eher praxisbezogenen Charakter, was nicht verwunderlich ist, da sie ja meist auch aus praktischen Problemstellungen her entstanden sind. Der "Kampf" darum als eigenständige Disziplin anerkannt zu werden, ist mitunter sehr langwierig und mühsam (siehe zBsp die Geschichte der Psychologie). Erst mit der Zeit entfaltet sich dann auch der rein theoretische Zweig einer Disziplin. Ich denke dass man auch erst dann wirklich davon sprechen kann, dass aus einer "Interdisziplin" mehr geworden ist als die Summe der usprünglichen Gebiete.
Noch mal kurz zum Ameisenalgorithmus: Das man da Vorteile im Transportwesen verbuchen kann ist jetzt nicht DIE Gedankenleistung gewesen, aber es gibt eben auch andere Bereiche, in denen der Algo. zu Verbesserungen geführt hat, siehe z.B: Schleifmittelproduktion :). Da kommt man z.B. schon mal nicht gleich drauf..... aber im Grunde ist hierbei mehr das Denken der entsprechenden Personen "kreativ"/bzw. "interdisziplinär" gewesen und auch nicht mehr.
AntwortenLöschenZu was Anderem:
Woran mag es liegen, dass es in den letzten Jahren (Jahrhunderten?) so gesehen KEIN wahres "Universal"-Genie mehr gegeben hat? Ein Mensch, der sich in so gut wie allen Wissenschaftsbereichen auskennt bzw. auch Neues entdeckt oder entwickelt. Siehe Leonardo da Vinci, welcher von "Robotern" über Krisgsmaschinen und Flugobjekten so manches entwickelt hat, nebenbei einer der besten Künstler überhaupt war und auch zu einem sehr großen Teil erstmal die menschliche Anatomie untersuchte und daraus seine Schlüsse zog.
Liegt das jetzt daran, dass das Wissen damals mit der Menge an Wissen heute einfach nicht zu Vergleichen ist, oder liegt es (auch) daran, dass mittlerweile jede Wissenschaft/jedes Wissensgebiet immer weiter unterteilt wird, und man von den ganzen Teilgebieten einfach "zu wenig mitbekommt" (wegen der Abgrenzungen, die eingeführt wurden)?
Nur ein Beispiel für die Scheuklappeneinteilung auf der Uni (zugegebenermaßen durchaus gerechtfertigt, denn sonst würde nie mehr ein Student mit dem Studium fertig werden :) ):
1.Informatik:
1.1.Medizinische Informatik
1.2.Technische Informatik
1.3.Wirtschaftsinformatik
1.4.Theoretische Informatik
1.5.Medieninformatik
1.5.1.Design-Zweig
1.5.1.1....
1.5.2.Computergraphik und digitale Bildverarbeitungs-Zweig
(im Master:)
1.5.2.1.Computergraphik-Zweig
1.5.2.2.Digitale Bildverarbeitung-Zweig
1.6.Information and Software Engineering
...
1.x
"...Interdisziplinarität ist aber immer dann notwendig, wenn sich die notwendigen Kenntnisse in den beteiligten Wissensgebieten nicht innerhalb kurzer Zeit für einen Fachfremden aneignen lassen können."
AntwortenLöschenIch sehe diesen Punkt auch schon als Interdisziplinär, denn wenn ich in der Arbeit oder für die Uni mir Wissen aus einem anderen Gebiet aneignen muss, dann habe ich zusätzliches Wissen in einem anderem Gebiet, welches ein anderer Student/Arbeitskollege nicht hat.
Ich bin der Meinung, dass heutzutage die Spezialisierung sehr wichtig ist, trotzdem ist es keine reine Spezialisierung, denn in der heutigen Zeit braucht man zu seinem Spezialgebiet auch noch viel Wissen aus anderen Teilgebieten, welche mit dem eigenen Spezialgebiet zu tun haben könnten. Z.B. lernt man in der Informatik welche Datenschutzbestimmungen gelten und wie man damit umzugehen hat. Jemand der sich in diesem Gebiet gut auskennt und ein guter Programmierer ist, wird einem bei vielen Firmen gefragter sein. von daher bin ich stark der Meinung, dass das eigene Handeln immer von interdisziplinären Denkweisen geprägt sein sollte.
Ob es jetzt sinnvoll ist Interdisziplinarität zwischen Gebieten herzustellen die zurzeit wenig oder keinen Sinn haben, kann man heute nicht sagen, denn viele Erfindungen wurden aus den "verrücktesten" Kombinationen von Wissenschaftern entdeckt. Aber für die Allgemeintheit sollte dies wohl zustimmen.
In Bezug auf die Fox und Hedgehog Hirarchie stimme ich Franz vollkommen zu. Doch glaube ich, dass in vielen Projekten/Arbeiten zwei Hirarchieebenen vollkommen ausreichend sind und mehr Ebenen den Aufwand nur unnötig steigern würde.
Alles in allem gesehen bin ich der Meinung, dass eine ausgewogene Mischung aus Spezialisierung und Interdisziplnarität gefunden werden muss. Diesen Weg zu finden, ist sehr schwer wenn nicht sogar unmöglich, denn wann kann man sich sicher sein, dass es nicht doch sinnvol ist sich aus dem oder dem Gebiet noch Wissen anzueignen.
@Hue:
AntwortenLöschenDieses Beispiel der Interdisziplinarität in Bezug auf Medizin/Informatik/Medizinische Informatik stellt aber in Wirklichkeit genauso eine Spezialisierung da.
Warum?
Das Ursprüngliche Problem wird gewesen sein, dass man einerseits Informatik hatte, andererseits Medizin. Dann gab es den Bedarf Medizinische Software/Geräte zu entwickeln und wahrscheinlich hat man schnell gemerkt, dass einiges was die Informatiker gelernt hatten nicht gebraucht würden, während anderes wünschenswert wäre (z.B. Kenntnisse der Anatomie statt Compilerbau).
Da man niemandem zus. zum Inf. Studium auch noch ein Medizin Studium zumuten kann wurden eben LVAs gestrichen und dafür neue aufgenommen.
Das Resultat ist, wenn man es so nennen kann, eine interdisziplinäre Spezialisierung.
@Franz: weil du das fehlen von Univ-Genies angesprochen hast (nur kurz, weil es vielleicht etwas OT wird): heute müssen dank Schulpflicht die Menschen mehr denn je lernen. Vor der Renaissance hätte ein heutiger Maturant auch schon als Univ.-Genie gegolten, da war das Niveau von Wissenschaft und Kunst noch nicht besonders weit entwickelt. Um nochmal das Beispiel CERN zu bedienen: heute braucht schon riesige Teilchenbeschleuniger um neue Erkenntnisse zu gewinnen. ;)
Also mich würde es wirklich sehr überraschen wenn es wirklich nochmal ein sog. Universalgenie geben würde.
Jedenfalls rechnen dürfen wir damit nicht.
Am Ende ist zwischen den Fachrichtungen auch vor allem eines wichtig (ich glaub suppenkaspa hat es schon mal angesprochen): Kommunikation.
Ich denke oft genug erreicht man den gewünschten Effekt wenn sich ein paar Spezialisten zusammentun und diese trotz ihrer unterschiedlichen Spezialisierungen eine interdisziplinäre Zusammenarbeit beginnen. Das geht aber nur wenn die richtig miteinander reden können.
@MichaelP: Das stimmt wohl :), ich bin mir nur nicht so ganz sicher, ob "das Fehlen solcher Genies" NUR auf die Menge des Wissens zurückzuführen ist, oder nicht (sondern eben auch durch die Unterteilung der Wissenschaften/Gebiete)....
AntwortenLöschenVielleicht um einen Schlusspunkt (unter die eh schon um wesentliches zu lange Diskussion zu setzen): zu einem guten Teil werden, wie oben schon erwähnt, interdisziplinäre Wissenschaften weiterhin so weit spezialisiert, dass sie wahrscheinlich mittelfristig selbst wieder Spezialgebiete mit sub-interdisziplinären Bereichen werden - denn die Informationsflut wird sich wahrscheinlich langfristig nicht besser "in den Griff" bekommen.
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